Volkstrauertag

Schüler gedenken der Opfer von Flucht und Vertreibung

 

 Matinee der Theodor-Körner-Schule rückt Volkstrauertag in neues Licht





Zeitzeugen: Ehepaar Schmid mit Schüler Michel Hamm und Lehrerin Frau Plonka


 

Der Projektkurs Geschichte der Theodor-Körner-Schule (Stufe Q1) hat sich unter der Leitung von Lehrerin Yvonne Plonka seit April 2016 mit den Ursachen von Flucht und Vertreibung beschäftigt, mit Zeitzeugen aus den 1940er Jahren gesprochen und syrische Flüchtlinge getroffen. Die Ergebnisse stellten die Schülerinnen und Schüler nun im Rahmen einer Matinee in der Aula der Theodor-Körner-Schule vor. Zuvor hatten sie bei der traditionellen Kranzniederlegung auf dem Friedhof Im Berge am Mahnmal der Bezirksvertretung Bochum-Südwest der Opfer von Krieg, Gewalt und Terror gedacht.



Der Kreisverband Bochum des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und die TKS setzen damit die Zusammenarbeit mit Schulen für eine neue Form der Erinnerungskultur fort, die in den nächsten beiden Jahren mit der Hildegardis- und der Goethe-Schule weitergeht. An der Veranstaltung nahmen neben Schulleiter Bernhard Arens auch Eltern, Kollegen und Schüler der TKS teil, sowie Bezirksbürgermeister Marc Gräf, der Vorsitzende des Kreisverbandes Bochum des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, Prof. Dr. Bernd Faulenbach, der Kreisgeschäftsführer des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, Herr Wicking, die Referentin für Schul-und Bildungsarbeit im Landesverband NRW, Frau Kinga Kazmierczak, und Vertreter der beiden anderen Schulen.


Bernhard Arens erinnerte in seiner Begrüßung an die Einführung des Volkstrauertages 1925 durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sei der von den Nationalsozialisten als Heldengedenktag missbrauchte Feiertag an das Ende des Kirchenjahres gelegt worden, um in einer Phase der Ruhe und Besinnung der Opfer beider Weltkriege zu gedenken und zugleich zum Frieden zu mahnen. Durch das heute vorgestellte Projekt könne der Gedenktag über diese neue Form der Erinnerungskultur unter Einbeziehung von Schule einen ganz neuen Stellenwert bekommen.


Dass in den vergangenen Jahren die Bedeutung des Volkstrauertages in den Hintergrund geraten und die Errungenschaften des Friedens und der Sicherheit für Menschen von heute allzu selbstverständlich seien, bedauerte Bezirksbürgermeister Marc Gräf. Deshalb bedankte er sich besonders bei den Schülerinnen und Schülern und bei den Zeitzeugen, die den Jugendlichen „ihr Herz geöffnet haben, was sicher nicht leicht war“.


Schüler Michel Hamm bei seiner Rede


Nach einem Rückblick auf die politischen Ereignisse der 1930er und -40er Jahre skizzierte Schüler Christopher Czernitzki die Fluchtgeschichte von Robert Günter Schmid aus Querenburg, der mit seiner Frau zur Matinee gekommen war. Die beiden hatten sich auf den Aufruf des Projektkurses hin gemeldet und Kontakt aufgenommen. Vom Süden Ungarns floh Schmid über Österreich, Brandenburg, Lübeck und Friedland zurück nach Herne, von wo er im Zuge der Kinderlandverschickung weggebracht worden war. Wie seine Frau machte er schreckliche Erfahrungen mit Gewalt und Tod, die heute nur schwer zu erzählen sind und die Anwesenden sehr bewegten.


Die Schülerin Maren Röhr zeichnete die Entwicklung in Syrien seit 2011 nach und ging dabei besonders auf wirtschaftliche Ungleichheit, konfessionelle Konflikte und die Bedeutung der Milizen ein. Michel Hamm berichtete vom Schicksal des syrischen Flüchtlings Malik Ali, den der Projektkurs ebenfalls getroffen hat: Der 27jährige Familienvater zahlte 900 $ und floh mit der Hilfe von Schleppern über den Libanon, Ägypten und Libyen über das Mittelmeer nach Italien. Von dort aus kam er nach Österreich und Deutschland und lebt nun in einer Wohnung in Bochum. Auch eine Arbeit hat er inzwischen gefunden. Malik Ali berichtete den Schülern, er habe nach langer Zeit „in Deutschland zum ersten Mal freundliche Menschen getroffen“.


Einerseits eine beeindruckend „gelebte Willkommenskultur“, andererseits von Hass und Gewalt durchtränkte Äußerungen in sozialen Netzwerken und bei Pegida-Demonstrationen – mit den Ursachen für diese Diskrepanz beschäftigten sich die Schüler ebenfalls. Michel Hamm bezog sich auf die Forderung des Politikwissenschaftlers Claus Leggewie, man müsse gegen das „toxische Potenzial“ der Rechten „die Geschichte eines zukunftsfähigen Deutschlands erzählen“.


Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Vorsitzender des Kreisverbandes Bochum des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, würdigte das Engagement der Schüler und der Zeitzeugen und sprach von Empathie, die uns heute zur Hilfe gegenüber Flüchtlingen verpflichtet. Zugleich müsse man das Weltgeschehen in historische Kontexte einordnen. Er fragte, wie vorbeugende Friedenspolitik heute aussehen kann und forderte, sich nicht mit Fremdenfeindlichkeit abzufinden. In Bezug auf die Integration der Flüchtenden verwies er leidenschaftlich auf die Werte des Grundgesetzes, die gerade vor dem Hintergrund von zwei Weltkriegen einen so unschätzbaren Wert für unser Zusammenleben hätten, nämlich Menschenwürde, Minderheitenrechte, Gewaltenteilung, Mandate auf Zeit, Rechts- und Sozialstaatlichkeit. Faulenbach bekannte, er habe sich nicht vorstellen können, dass Demokratie noch einmal so in Frage gestellt werden könnte wie heute. Dagegen helfe nur, im Alltag diese Demokratie zu leben und für sie einzustehen.


 Prof. Dr. Faulenbach bei seiner Rede


Musikalisch gestaltet wurde die Matinee von Michel Hamm und Edgar Dreier am Flügel. Nach der Veranstaltung konnten sich die Gäste die Ausstellung „Geflohen, vertrieben- angekommen?! – Aspekte der Gewaltmigration im 20. und 21. Jahrhundert“ im Pädagogischen Zentrum des Schulzentrums ansehen und sich von Schülerinnen und Schülern der Stufe Q2 bewirten lassen. Der Förderverein der TKS unterstützte die Präsentation der Schülerinnen und Schüler großzügig.

 

Bettina Basler für die TKS


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